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Fabian oder der Gang vor die Hunde

 

Schauspiel   Fotos monsun theater

Von Erich Kästner in einer Bearbeitung von Clemens Mädge
   

Willkommen beim Glücksrad des Lebens! Willkommen in den „goldenen 20er Jahren“! Nur leider ist nicht alles Gold was glänzt. 

Der Moralist Fabian fühlt sich fehl am Platz in der Gesellschaft Ende der 20er Jahre. Werte basieren auf Angebot und Nachfrage, es herrscht ein omnipräsentes Ohnmachtsgefühl und zwischenmenschliche Beziehungen sind ephemer. Ein einfacher Mann gefangen im Gewirr der Großstadt, in der die Abfolge der Ereignisse zufälliger Natur zu sein scheinen. Im Zwiespalt zwischen dem Ausgeliefert sein und die Lösung der Probleme zu kennen, verfällt der Protagonist in eine kühle und distanzierte Beobachterrolle. Fabian steht für eine erschöpfte Gesellschaft, die nicht weiß, in welche Richtung sie handeln soll.

Eine Eigenproduktion des monsun.theaters gefördert durch die Behörde für Kultur und Medien Hamburg.

 

Foto
G2 Baraniak

Spiel
Irene Benedict
Flavio Kiener
Gregor Müller
Lisa Ursula Tschanz

Text & Dramaturgie
Clemens Mädge

Musik
Boris Helbach

Bühne
Francoise Hüsges

Bühnenassistenz
Luka Borgerding

Grafik
Patrick Giese

Maske
Marie-Luise Otto

Kostüm & Regie
Kathrin Mayr

Donnerstag
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16.01.2020
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20:00 Uhr
     
Freitag
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17.01.2020
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20:00 Uhr
 
   
       
       
VVK 15,90 € І 13,40 € · AK 16,50 € І 14,00 €
       
     

Pressestimmen:

Hamburg Theater, Birgit Schmalmack, 29.10.2019

Das Glücksrad surrt

Lust auf eine neue Runde? Das Glücksrad (am Rad in allen weiteren Rollen: Irene Benedict, Flavio Kiener, Lisa Ursula Tschanz) dreht sich. Doch Fabian (Gregor Müller) sitzt abwartend auf der Treppe und ist unschlüssig. So viele anscheinend verlockende Angebote bietet ihm die Großstadt und so wenig Erfolgschancen sieht er für sich. Wohin soll sein Leben gehen? Welches der Angebote soll er annehmen? Zu groß ist ihm die Auswahl. Zu stark seine Angst vor dem Scheitern. Denn er ist ein Mann mit wachen Augen. Er erkennt klar, dass die Moral der Gesellschaft vor die Hunde geht. Lohnt es sich überhaupt sich einzubringen? 
Doch dann steht er von seinem Zuschauerplatz auf der Treppe auf und wird hineingerissen in den Rummelplatz dieser Großstadt der zwanziger Jahre. Die Lust am Vergnügen scheint proportional zum Einbrechen der wirtschaftlichen Möglichkeiten zu steigen. Fabian ist studierter Germanist, der sich als Werbetexter verdingen musste, um wenigstens 270 Mark zu verdienen. Doch die sind jetzt auch noch weg: Ihm wurde gekündigt. Gerade als er die aufstrebende, schlaue Cornelia kennen gelernt und sich in sie verliebt hat. So geht er mit den sexsüchtigen Irene Moll mit, gabelt die einsame Reiterin für schnellen Sex auf und hofft zwischendurch mit seinem Freund Stefan, dass sich die Zeiten bald zum Besseren wenden werden. Doch das Geld bestimmt die Moral, das muss er immer wieder erfahren. 
Kathrin Mayr inszeniert den Roman von Erich Kästner Fabian in der Fassung von Clemens Mägde als zeitloses Kaleidoskop einer im Absturz befindlichen Gesellschaft, die den Boden unter den Füßen verloren hat. Obwohl Mägde und Mayr die Geschichte aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg nicht dezidiert aktualisieren, erscheint sie überaus modern. Eine erodierende Wertegemeinschaft, die den Glauben an die Möglichkeiten des Aufstiegs, der Gerechtigkeit und der Fairness verloren hat, klingt nach der Auswertung einer soziologischen Studie von 2019. Doch das Glücksspiel geht weiter. Bis zum bitteren Ende.


Hamburger Abendblatt, Falk Schreiber, 28.10.2019

Erich-Kästner-Adaption: Schlaglichter auf eine Umbruchszeit

Hamburg Selbst gut ausgebildete junge Menschen kommen auf keinen grünen Zweig. Rechte schicken sich an, die Macht zu übernehmen. Und die urbanen Liberalen finden auf die Bedrohung keine Antwort … Ein Stoff aus der Gegenwart? Nein, Erich Kästners Roman "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten", erschienen 1931 kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Im Ottenser Monsun Theater haben sich Autor Clemens Mägde und Regisseurin Kathrin Mayr der Vorlage unter dem neuen Untertitel "Der Gang vor die Hunde" angenommen - ohne radikale Aktualisierungen, aber mit einem interessanten Kunstgriff. Zwar wird die Geschichte des Mittdreißigers Fabian erzählt, der sich bemüht, in unsicheren Zeiten moralisch das Richtige zu tun und vom Geschehen mitgerissen wird, zumindest in den wichtigsten Stationen. Allerdings ist die Handlung dank der Bühne von Monsun-Intendantin Françoise Hüsges zersplittert. Wichtigstes Bühnenelement ist ein Glücksrad, das nicht nur an das vergnügungssüchtige Berlin der Weimarer Republik erinnert, sondern vor allem als Wegweiser für die Erzählung dient: Mittels des Rades werden die einzelnen Szenen von "Fabian" angespielt, eine Wurst weist hier auf den Besuch der Mutter hin, die frische Blutwurst vom Land mitbringt, ein Torso auf das Atelier der Bildhauerin Reiter, eine Vase auf den geschmückten Tisch bei Fabians Freundin Cornelia.Eine stringente Erzählung bekommt man so nur mit radikalen Eingriffen in den Lauf des Glücksrads hin, aber um Stringenz geht es Mayr in ihrer Inszenierung gar nicht. Eher darum, Schlaglichter auf eine Umbruchszeit zu werfen, um den Preis, dass die Szenenfolge unlogisch wird. Immerhin, das Darstellerquartett aus Gregor Müller, der die Titelfigur als patenten Kerl mit offenem Lachen und reizendem Stirnlöckchen spielt, Irene Benedict, Flavio Kiener und Lisa Ursula Tschanz lässt das Glücksrad manchmal Rad sein und sorgt so für halbwegs nachvollziehbares Geschehen, was die Dekonstruktion zwar ausbremst, sie aber fürs Theater lesbar macht.
Freilich um den Preis, dass die Aufführung fast zu perfekt daherkommt. Eine eigene Freie-Szene-Ästhetik findet sich hier nicht, im Grunde könnte der Abend auch am Thalia (wo man sich mit Kästner-Adaptionen auskennt) oder am Landestheater Schleswig-Holstein (wo Mayr häufig inszeniert) laufen. Aber so etwas ist lässliches Strukturgemäkel, angesichts eines Stoffs, dessen Relevanz auf der Hand liegt.